Gestern Abend habe ich dem Abschiedskonzert von Sir Simon Rattle beigewohnt – im Kino. Der scheidende Chefdirigent der Berliner Philharmoniker gab in seinem letzten Konzert die 6. Symphonie von Gustav Mahler zu Gehör, und dieses Ereignis wollte ich nicht verpassen, ist doch die Sechste meine Lieblings-Mahlersymphonie, wenn nicht meine liebste überhaupt.
Karten für die Philharmonie waren lange ausverkauft und mit Sicherheit unbezahlbar, so dass ich schon vor geraumer Zeit für meine beiden Begleiter und mich die Kinokarten besorgt hatte.

Wir saßen also um 19:30h im Kino 3 der Borsighallen in Tegel. Relativ weit hinten, da ich offenbar den Saalplan im Internet missverstanden hatte. Sei’s drum. Der dritte Hornist des Orchesters führte mit seiner Moderation sehr launig in den Abend, und zwar zweisprachig (auf deutsch und in feinstem Oxford English), die Begrüßung gar zusätzlich auf französisch, polnisch, niederländisch und (aphoristisch kurz, aber dennoch) auf japanisch! Sehr kurzweilig, informativ und durchaus selbstironisch kündigte er einige Einspielfilme an, bevor um 20h dann das Konzert begann.

Die ganze Zeit über fragte ich mich schon, warum der Klang ausschließlich von den beiden Frontlautsprechern hinter der Leinwand kam – das Kino hatte doch eine Surroundanlage zur Verfügung? Die kam tatsächlich erst zum Einsatz, als die Saalakustik der Berliner Philharmonie samt Bild live übertragen wurde. Leider, bzw. eigentlich ärgerlicherweise, wurde sie aber vor der musikalischen Darbietung wieder abgeschaltet, so dass der Klang wieder nur von vorne kam! Man mag einwenden, dass im Konzertsaal die Musik auch nur von vorne kommt; das ist aber ein Trugschluss, da die Holzflächen der Philharmonie eine andere Raumakustik erzeugen als die stoffbespannten Kinowände. Somit war der Sound nicht nur in erwartbarem Maße, sondern wesentlich schlechter als im Konzertsaal und sogar schlechter als zuhause, denn schon mit Kopfhörern hat man das volle Surrounderlebnis. Außerdem war die Musik gefühlt zu leise; gerade mal den Finalsatz empfand ich stellenweise nahezu laut genug, an einigen leisen Stellen musste ich gar die Klimaanlage des Kinosaals mit anhören.

Die akustisch-technische Umsetzung der Übertragung hat mich also unbefriedigt hinterlassen. Kommen wir zur Musik. Über Mahlers Sechste brauche ich nicht viele Worte zu verlieren – ich liebe ungefähr alles an ihr. Die schiere Länge, die Größe des Orchesterapparats, die überbordend farbige Instrumentierung, die Themen und ihre Verarbeitung, die Dramatik, die Tragik, die emotionale Bandbreite und Tiefe, ganz besonders den Schluss des ersten und die Reprise des letzten Satzes, den zweiten Teil des Andantes… Ich könnte fortfahren.
Die Symphonie wurde gespielt mit dem Andante an zweiter und dem Scherzo an dritter Stelle. In der Erstausgabe stehen die Sätze andersherum, und es war lange Zeit meine Auffassung, dass es nur so sein dürfe. Inzwischen kenne ich mehr Hintergründe und kann auch dramaturgisch beide Varianten nachvollziehen, zumal die Aussage seiner Witwe, die richtige Reihenfolge sei Scherzo–Andante, von zweifelhafter Glaubwürdigkeit ist und im Gegensatz zur Aufführungspraxis Mahlers steht (er hatte das Werk stets, d. h. insgesamt dreimal, mit dem Andante an zweiter Stelle aufgeführt).
Die zweite Frage, die ich mir immer stelle, ist: Hören wir zwei Hammerschläge im letzten Satz oder drei? Im Konzerthaus habe ich beides schon erlebt, diesmal hatte ich den Eindruck, der letzte Hammerschlag wurde nicht gespielt. Zumindest war er nicht im Bild und auch nicht hörbar. Eine Interpretation, die ich gut finde – drei wären mir etwas zu plakativ klischeehaft gewesen (à la: aller guten Dinge sind drei, aller schlechten auch). Vielleicht wollte Rattle ja in seinem Abschiedskonzert den Helden (sich selbst…?) nicht endgültig niederstrecken.
Was die Interpretation dieser meiner Lieblingssymphonie angeht, hat Sir Simon, wie ich finde, leider etwas über die Stränge geschlagen. Das Stück enthält ja mannigfaltige Tempoänderungen, manche langsam und unmerklich, andere abrupt. Soweit, so mahleresk. Nun hat Rattle aber etliche, zum Teil drastische Temposprünge hinzugefügt, die mich auch durch ihre Häufung zunehmend befremdet haben. Einerseits empfand ich das Resultat oft als künstlich und nicht mehr organisch, andererseits – und das ist das eigentlich Bedauerliche, da vermeidbar und unnötig – hatten diese harten Tempokanten zur Folge, dass mehrfach und deutlich hörbar das Orchester nicht mehr zusammen spielte! Manchmal brauchten die Musiker einen Takt, um wieder »zusammenzuschwimmen«, nachdem ganze Register das Ausmaß einer Tempoänderung unterschätzt hatten. Im Gegensatz zum Bostoner Jugendorchester neulich kann ich ein solches Ergebnis nicht der Unerfahrenheit des Klangkörpers zuschreiben. Hier saßen Profis mit teilweise jahrzehntelanger Berufserfahrung. Nein, diese Pannen gingen auf das Konto der Interpretation.
Eine Stelle, wo mich das plötzlich schnelle Tempo besonders gestört hat, möchte ich noch erwähnen: den großen Tutti-Teil des Andantes, also die zweite Hälfte des Satzes (s. oben!), die fast durchgängig in prächtigem Forte erklingt. Hier hat Rattle den Beginn des Abschnitts plötzlich so schnell genommen, dass man fast hätte Allegro moderato vorschreiben können. Das war wirklich zu viel des guten, und obwohl nach einiger Zeit das Tempo wieder zurückgenommen wurde, hat diese Eskapade für mich die Episode kaputtgemacht. Sehr schade.

Letzten Endes habe ich mich 87 Minuten lang bemüht (und es ist mir ja zwischendurch auch gelungen), die Musik zu genießen. Geholfen haben mir dabei u. a. die unnachahmliche, darstellende Mimik des Maestros, sowie auch einige der Orchesterspieler. Besonders hervorheben möchte ich den Soloklarinettisten, der beim Spielen so wunderbare, fast joe-cockerische Grimassen zog, dass es eine Freude war, ihn zu beobachten.
Trotzdem wird das wohl für mich die letzte Konzertübertragung ins Kino gewesen sein. Das Entscheidende, die akustische Umsetzung, fand ich enttäuschend, und ich erwarte nicht, dass andere Aufführungen sich in dieser Hinsicht unterscheiden werden.

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