Gestern hatte ich das Glück, einem Symphoniekonzert in der Deutschen Oper beiwohnen zu können. Die 6. Symphonie von Gustav Mahler stand auf dem Programm, also die TOP 1 meiner absoluten all-time Lieblingssymphonien. Es spielte das Orchester der Deutschen Oper unter Donald Runnicles, und wir hatten trotz Sonderpreises ganz hervorragende Plätze: Parkett Reihe 9 Mitte – besser kann man kaum sitzen!
Das Parkett der Deutschen Oper ist schräg, wir konnten also die vor uns Sitzenden gut überblicken. Das Orchester saß auf der Bühne (nicht im Orchestergraben) etwa auf unserer Höhe, und in durchaus nicht alltäglicher Sitzordnung: erste Violinen links außen, zweite daneben, dann Celli und die Violen rechts außen vor den Kontrabässen. Die Harfen, übrigens vier an der Zahl, saßen links hinter den Violinen. Insgesamt war also sowohl die Optik gut als auch die klangliche Balance. Einzig die Blechbläser erschienen mir mitunter etwas dominant, und das Schlagwerk manchmal ein bisschen schwach.

Doch von vorn. Das Orchester spielte außerordentlich präzise, der erste Satz begann heftig, aber markig in einem angemessenen Marschtempo – genau wie von Mahler gefordert. Runnicles dirigierte mit Partitur, gab präzise Einsätze und auch hinter seinem Rücken sitzend konnten wir zwischendurch erkennen, wie er mit Gesten und Mimik den Charakter der Musik verdeutlichte. Kurz vor dem Ende der Exposition blätterte er nochmal um, und ich befürchtete schon, er würde die Wiederholung nicht spielen lassen. Aber sie kam. Am Beginn der Durchführung hatte ich dann zum ersten Mal das Gefühl, der Dirigent hätte Retuschen an der Instrumentierung angebracht, denn die Beckenschläge im ersten großen Tuttiforte hatte ich noch nie bewusst gehört. (Ein Blick in die Partitur heute verriet mir jedoch, dass sie dorthin gehören…)
Bereits kurz nach Beginn fiel mir die sehr klare Akustik der Deutschen Oper auf. Ich hatte das Gefühl, den Saal als solchen überhaupt nicht zu hören sondern nur das Orchester selbst, als spielte es in einem Vakuum. Alles war klar durchhörbar (noch unterstützt durch Mahlers Instrumentierung), insbesondere die kontinuierliche Klangfarbenmalerei war außerordentlich plastisch wahrzunehmen. Kaum ein Motiv, das nicht nach wenigen Tönen in eine andere Orchestergruppe wanderte.
Eine meiner Lieblingsstellen der ganzen Symphonie ist die Coda des Kopfsatzes. Auch hier (wie übrigens im ganzen Stück) wurde sehr in meinem Sinne musiziert, die Ritardandi waren da, wo ich sie mir wünsche – einzig in den allerletzten Takten hätte ich mir ein etwas flotteres Tempo vorgestellt. Und nach dem Schlussakkord passierte etwas Verblüffendes: nichts. Der Klang des Riesenorchesters war einfach weg, es gab so gut wie keinen Nachhall. Ich fand das schade, denn es nimmt der Musik etwas die Wucht, wenn die Klangmassen sofort verschwinden, als hätten sie keinerlei Gewicht. (Meine Begleitung klärte mich später auf, dass eine so trockene Akustik in einer Oper durchaus gewollt ist, um die Sprache verständlich zu machen.)
Wir hörten die Symphonie in der Gestalt, die ich mag und richtig finde: Scherzo an zweiter Stelle, dann das Andante. Auch hier war alles in bester Ordnung: Runnicles verstand es, immer das musikalisch Naheliegende und gefühlt Richtige zu tun, und nicht durch Drücken und Ziehen am Tempo den Fluss zu verstören, wie es Simon Rattle in seinem Abschiedskonzert getan hatte… Wobei, einmal tat er es doch: In der zweiten Hälfte des Andantes, wo die lange Fortepassage beginnt, zog er das Tempo für meine Begriffe etwas (!) zu sehr an, aber als die Musik dann wieder im Fluss, war auch für mich alles gut. Nicht zuletzt gehört auch dieser lange Abschnitt zu meinen Lieblingsstellen.
Im Schluss-Satz wurde dann nochmal alles gegeben: sphärische Klänge in der Einleitung, ein mitreißender Marsch, die komplizierte, aber wunderbar durchhörbare Orchesterpolyphonie Mahlers und nicht zuletzt die beiden Hammerschläge. Ja genau, der dritte wurde nicht gespielt, und auch das finde ich richtig. Mahler hatte ihn gestrichen, und drei wären auch m. E. zu viel Klischee – mit dem spielt der Komponist zwar gerne, aber auf andere Weise.
Das Finale der Sechsten ist lang – rund 30 Minuten. Ich weiß das, und dennoch: Nach den beiden Hammerschlägen in der Durchführung und dem folgenden Zusammenbruch erwartete ich schon das Ende der Symphonie; und dann schwang sich die Musik nochmals auf, denn es kam ja noch die Reprise! Also noch mehr von dieser wunderbaren, klanggewaltigen, spätromantischen Dramawelt, und bei einem der letzten Höhepunkte wurde sogar das Becken, das ich mitunter klanglich etwas zu dünn fand, doppelt besetzt – eine gute und richtige Entscheidung! Das hätte auch gern schon früher passieren können. Letztendlich fand diese symphonische Tragödie dann nach 85 Minuten Hochgenuss ihr beklemmendes Ende.

Wer sich bis jetzt noch unsicher sein sollte: Ja, es hat mir gefallen! Sehr gefallen. Wie immer nach Mahlers Sechster war ich überglücklich, tief bewegt, emotional geschüttelt und gerührt – ganz besonders nach der gestrigen Aufführung, die ich hiermit zu den besten zähle, die ich bisher erleben durfte. Und das waren schon einige. Und es werden noch mehr werden: Mahler 6 ist und bleibt die TOP 1 meiner absoluten all-time Lieblingssymphonien.

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