Mein Besuch im Konzerthaus am vergangenen Samstag war von zwei Themen geprägt: dem russischen Komponisten Peter Tschaikowsky und der Besetzung Solo-Schlagzeug, wobei ersteres den Rahmen für letzteres bildete.
Wir hatten sehr schöne Plätze in einer Loge des 1. Ranges und freuten uns auf das Konzert, das ungewöhnlich mit einer längeren Ansage begann: Bedingt durch die Abstandsregeln in der Corona-Pandemie musste das Schlagzeugkonzert ausfallen; stattdessen gab es zwischen den Orchesterwerken zwei Stücke für Solo-Percussion.

Den Auftakt bildete die Polonaise aus Tschaikowskys Oper »Eugen Onegin«. Ein prächtiges, schwungvolles Stück, das das Konzerthausorchester unter Michael Sanderling brillant darbot. Dann ging das Orchester komplett ab und es wurde etwas umgebaut. Die vielen Schlaginstrumente, darunter ein großes Vibraphon, nahmen auf der Bühne einiges an Platz ein.

Der nächste Programmpunkt gehörte dem Solisten Simone Rubino aus Italien. Als erstes Stück erklang »Variations on Fuga C II« von Peter Sadlo, bei dem er auch in München studierte. Markante Rhythmen wurden auf den Tomtoms vorgestellt. Sie allein erfüllten den Konzertsaal mit einer beeindruckenden Klangmasse. Und plötzlich fing der Solist an zu singen! Eine Vocalise verband sich mit den Klängen des Schlagzeugs, wobei sich zu den Tomtoms später noch einiges an Becken und anderen Instrumenten gesellte. Der Titel des Stücks ließ mich an das Wohltemperierte Klavier von J. S. Bach denken, die akustische Verbindung zu der barocken Fuge stellte sich indes nicht ein.
Allerdings folgte Bach im nächsten Werk, und zwar ganz unmittelbar: Rubino spielte auf dem Vibraphon die Chaconne aus der Violinpartita d-Moll BWV 1004. Auch dieses klangliche Ereignis war ganz außerordentlich! Hochvirtuos – auf dem Vibraphon nicht weniger als im Original für Violine – und mit wunderschönen Klangfarben: Das Instrument (ohne Motor) klang teilweise fast wie das Flötenregister einer Orgel, insofern passte die Besetzung zum Stück wirklich gut. Rubino phrasierte sehr schön und zeigte auch leise Töne. Insgesamt war auch dieses Werk eine echte Bereicherung.
Als Zugabe hörten wir als erstes eine erneute Ansprache: Der Solist erklärte, wie sehr er das Konzertieren genieße – obwohl das Publikum dabei doch immer sehr passiv bleibe. Letzten Endes lud er die Zuhörerschaft ein, zu dem bekannten C-Dur-Präludium von Bach aus WK I, das er wieder auf dem Vibraphon spielte, die Arie »Ave Maria«, die Charles Gounod auf die Akkordfolge komponierte, mitzusingen. Gut, das hätte vorausgesetzt, dass man Text und Melodie beherrscht, somit war ich raus – aber im Saal fanden sich genug Leute, die das konnten, und so wurde diese Zugabe zu einem gemeinschaftlichen Werk.

Den größten Programmpunkt und Abschluss des Abends bildete die 6. Symphonie in h-Moll, die »Pathétique« von Peter Tschaikowsky. Oft gehört und allseits bekannt, ist auch dieses Werk immer wieder ein Erlebnis. Die Todesdramatik im ersten Satz setzt ungeheure Kraft frei und kommt (abgesehen von den Pauken) fast ohne Schlagwerk aus. Leider hatte ich zuweilen das Gefühl, dass nicht immer alle Musiker denselben Puls fühlten: Manchmal schwamm es etwas. Das tat dem musikalischen Ausdruck keinen Abbruch, aber mir, der oft innerlich mitschwingt, fällt so etwas dann auf… Der zweite Satz, ein idyllischer Walzer im 5/4-Takt, bildete den emotionalen Ruhepol der Symphonie. Harmlos? Vielleicht oberflächlich. Womöglich ein Erinnern an bessere, glücklichere Zeiten? In jedem Fall ein Puffer zwischen dem dramatischen Kopfsatz und dem aufgeregten Scherzo, das folgte. Es beginnt im 12/8-Takt, wandelt sich aber nach und nach zu einem derben Marsch, in dessen Verlauf auch die vier großartigen Beckenschläge erklingen. Wie immer in dieser Symphonie gab es natürlich nach dem dritten Satz Zwischenapplaus. Ich hatte damit gerechnet und nehme es inzwischen gleichmütig hin, aber der Dirigent spielte den Beginn des Adagios direkt in den Applaus, was ich schade fand. Die erste Phrase ging somit im Klatschen der Übermütigen unter – ob man das Publikum so erziehen kann, weiß ich nicht. Der Schluss-Satz wiederum hochemotional, diesmal aber klagend, trauernd, depressiv. Gegen Ende das Tamtam als Todesahnung… Die Symphonie verklingt im pianissimo, und noch bevor der Dirigent seine Arme senkt – klingelt ein Handy im Saal. So etwas ist wirklich ärgerlich und vermeidbar, zumal es nicht das erste an diesem Abend war.

Was bleibt von diesem Abend? Zuerst einmal das Glück, Livemusik erleben zu dürfen. Das Staunen über die Musik für Solo-Schlagzeug. Und die wiederkehrende Erkenntnis, dass man den Genuss der Musik nicht vom Verhalten des restlichen Publikums abhängig machen sollte.

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