Manche Dinge hinterfragt man erst, wenn einem andere Menschen Seltsamkeiten aufzeigen, die hinterfragungswürdig sind. So erging es mir kürzlich in einem Gespräch mit Ariane Lorch.

Wir sprachen über Klangfarben bei Zupfinstrumenten, und mir war bereits aufgefallen, dass sie das Spielen über den Griffbrett für mich unüblich als dolce bezeichnet. Sie führte aus, dass die verbreiteten Bezeichnungen tast. (sul tasto bzw. im Teg’ler Zupforchester tastiera), nat. (naturale) und met. (metallico) inkonsequent seien, da tast. einen Spielort bezeichne und die beiden anderen Begriffe den gewünschten Klangeffekt. Die komplette Matrix der Begriffe sähe demzufolge so aus:

Merkmal Griffbrett Schalloch Steg
Spielort sul tasto (tast.) loco sul ponticello (pont.)
Klangfarbe dolce naturale (nat.) metallico (met.)

Ich bin ein Freund von Semantik und Konsequenz, insofern hat diese Übersicht für mich einen gewissen Charme.

Wenn ich das System in meinen Partituren anwenden will, muss ich mich aber für eine Variante entscheiden, d. h. für die Angabe von Spielort oder Klangfarbe.

Für die Angabe der Klangfarbe spricht, dass in meinem Umfeld bereits zwei der Begriffe seit langem verwendet werden; nur dolce wäre neu. Ich werde mich aber dennoch künftig auf die Angabe des Spielorts beschränken, und zwar aus folgenden Gründen:

  • dolce ist m. E. als Spielanweisung erklärungsbedürftig.
  • loco und pont. werden sehr wahrscheinlich bereits verstanden und sind auch im Streicherkontext üblich. Ich erkenne keinen Grund, warum man in der Zupfmusik andere Termini braucht.
  • Die Lernkurve für Spieler ist daher flacher, obwohl zwei von drei Begriffen verändert werden.

Diese Variante hat außerdem den Vorteil, dass der Begriff dolce nach wie vor eine gestalterische Vorgabe sein kann, ähnlich wie z. B. espressivo. In dieser Weise habe ich ihn bisher verwendet und werde das auch zukünftig tun. Ob der Interpret dann die Anweisung dolce über sul-tasto-Spiel realisiert, bleibt ihm überlassen.

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