Zum vierten Mal war ich letzten Samstag im Rahmen von YEC 2019 im Konzerthaus. Der designierte Chefdirigent des Konzerthauses Christoph Eschenbach dirigierte das Young Euro Classic Festivalorchester Deutschland–Griechenland. Es gab ein vielseitiges Programm mit Werken von Beethoven, Gluck, Theodorakis und Skalkottas.

Der Abend begann mit der Ouvertüre zu »Die Geschöpfe des Prometheus« op. 43 von Ludwig van Beethoven. Ich hatte das Stück nicht im Ohr und erwartete, mich zu erinnern. Doch weit gefehlt: Die Ouvertüre war mir tatsächlich neu, zumindest kam sie mir so vor. Weniger eingängig als manch anderes Eröffnungsstück Beethovens, doch das Orchester spielte ordentlich und der Dirigent (der evtl. aufgrund seines doch fortgeschrittenen Alters stets lange auf die Bühne brauchte) war natürlich über jeden Zweifel erhaben souverän.
Dann folgten Ausschnitte aus »Orpheus und Eurydike« von Christoph Willibald Gluck. Nicht der Abschnitt mit der bekannten Arie von Orpheus, in der er seinen Verlust beklagt, sondern ein Stück mit einem dramatischen Chordialog. Das fand ich noch ganz okay, obwohl Barockoper nun wirklich nicht mein Genre ist. Doch im Anschluss, als ich schon dachte, der Programmpunkt sei erledigt, kamen zwei Flötisten auf die Bühne und spielten noch eine nicht enden wollende Episode mit dem Orchester, die offenbar auch aus der Oper war. Das klang angenehm, war mir aber deutlich zu seicht. Ich empfand es am ehesten als Nocturne, zumindest wäre ich dabei gern eingeschlafen.
Vor der Pause hörten wir dann noch die »Zorbas Suite« für Flöte und Orchester von Mikis Theodorakis. Dieser hatte die Musik zum Film »Alexis Zorbas« komponiert, und die Suite enthielt wohl Material aus dem Soundtrack. Es war eine Uraufführung und arrangiert, wobei mir nicht klar geworden ist, ob hier nur die Bearbeitung uraufgeführt wurde (wahrscheinlich) oder das Stück an sich, und wie die originale Besetzung aussieht. Ungeachtet dessen vermochte der Solist Stathis Karapanos nach seinem Auftritt im Gluck erneut zu brillieren, und hier sogar mit einem äußerst wirkungsvollen und farbenreichen Stück. Es wurde ausgiebig Gebrauch vom Schlagwerk gemacht (v. a. Xylophon, Glockenspiel, Triangel und Becken), was zum silbrigen Ton der Flöte sehr schön passte.

Nach der Pause erklangen »Fünf Griechische Tänze« von Nikos Skalkottas – der Grund meines Konzertbesuchs. Drei der Tänze sind vom Teg’ler Zupforchester (TZO) nach Bearbeitung durch seinen Dirigenten Symeon Ioannidis mehrfach aufgeführt worden, und als Mitglied des TZO war ich neugierig, wie die Originale klingen. Nun, zunächst einmal war ich etwas enttäuscht, dass es Stücke für Streichorchester sind. Ich hatte gehofft, eine Fassung für großes Orchester zu hören. Trotzdem war der Unterschied beträchtlich: Allein das Tempo der Streicher ist mit dem des Zupforchesters nicht zu vergleichen. Die fünf Tänze dauerten im Konzert gute 10 Minuten – das TZO braucht für die drei bearbeiteten Sätze genau so lange. Damit geht eine Energie einher, die ein Zupforchester so nicht nachbilden kann. Es geht nur über die Impulskraft des gezupften Tons gegenüber dem gestrichenen. Somit klingt ein Zupforchester mitunter etwas prägnanter, und womöglich auch durch das etwas niedrigere Tempo durchhörbarer. Insgesamt ein spannender Klangvergleich.
Das letzte Werk des Abends war die »Fantasie für Klavier, Chor und Orchester« c-Moll op. 80 von Ludwig van Beethoven. Diese hatte ich schon gehört und seinerzeit für gut befunden. Wieder erwartete ich, mich an irgendeinem Punkt erinnern zu können – wieder vergeblich. Stattdessen empfand ich das Ganze als in der ersten Hälfte recht ziellos; erst mäandert das Klavier eine Weile allein durch die Gegend, später stößt das Orchester dazu. Aber Beethoven weiß nicht so recht wohin, lässt mal Oboen im Duett spielen, mal Fagotte, mal die Violinen. Alles recht dünn und ohne roten Faden. (Naja, eine Fantasie eben…) Später setzt dann der Chor ein, und dann wird deutlich, dass er das Stück im Grunde als Studie zum Chorfinale seiner 9. Symphonie gesehen hat. Die melodischen Einfälle und der Duktus sind ähnlich, doch alles ist einfacher gehalten, fast etüdenhaft. Hier hat Beethoven also geübt, und mir war denn auch klar, weshalb das Werk so selten gespielt wird. Sicher wegen der seltsamen und selten vorhandenen Besetzung. Aber bestimmt auch wegen kompositorischer Schwächen.
Das Konzert war vergleichsweise kurz, schon um kurz nach 22h verklang der letzte Ton der Konzertfantasie. Es folgte eine Zugabe des Pianisten Fil Liotis mit dem Flötenvirtuosen aus der ersten Konzerthälfte im Duo: ein offenbar griechisches Stück im ungeraden 7er-Takt, tänzerischen Charakters mit interessanten quintbasierten Harmonien. Durchaus reizvoll und unterhaltsam. Dann hofften wir, das Orchester noch einmal hören zu können, immerhin stand Christoph Eschenbach die ganze Zeit an der Seite und hörte zu. Doch weit gefehlt – als zweite Zugabe kam abermals Flöte mit Klavier, eine Fantasie über Themen aus dem »Freischütz«. Ich stellte fest, dass ich nichts aus der Oper kannte außer die Ouvertüre. Das Stück bestand also aus mir unbekannten Themen, und wie schon der Gluck vorher wollte es partout nicht enden… Nach einer Viertelstunde hatten wir es endlich hinter uns, und ich war ehrlich gesagt etwas verärgert, was man uns da zugemutet hat. Dass der Flötist virtuos spielen kann, wussten inzwischen alle, und das Stück, das da zum besten gegeben wurde, war leider ziemlich belanglos. So war es dann fast halb elf, als wir endlich gehen durften, und es blieben nach diesem Konzert (nicht nur durch die fragwürdige zweite Zugabe) durchaus gemischte Gefühle.

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