Bereits zum zweiten Mal saß ich am Sonntag im Konzerthaus und konnte Mahlers 9. Symphonie genießen. Der Termin war etwas ungewöhnlich, 16 Uhr, aber das tat der Atmosphäre keinen Abbruch. Es musizierten das Konzerthausorchester (oft gehört) unter Iván Fischer (womöglich zum ersten Mal live erlebt).

Außer Mahler stand nichts auf dem Programm, es gab folglich auch keine Pause. Ebenso keine Zugabe – was kann nach Mahler 9 noch kommen?

Ich hatte mein erstes Live-Erlebnis dieser Symphonie noch im Hinterkopf. Überraschend kompliziert und undurchsichtig wirkte das Werk damals auf mich, nachdem ich es oft zuhause und immer mit Partitur gehört hatte. Nun empfand ich das Ganze etwas anders. Ich wusste, was auf mich zukommt, und so versuchte ich nicht, dem Geschehen analytisch zu folgen, sondern ließ mich inhaltlich von der Symphonie mitnehmen. Das Ergebnis war ausgesprochen lohnend: Da war nicht mehr die leise Enttäuschung über von mir nicht verstandene Kontrapunktik, sondern nur noch Freude über die schiere Fülle an Einfällen, die dramaturgischen Abläufe voller Leidenschaft, Verzweiflung, Katastrophen. Iván Fischer gab alles, das war zu sehen und zu hören. Damals verstand ich, dass die Neunte, besonders aber der erste Satz, mit das Großartigste ist, was Mahler geschaffen hat – diesmal fühlte ich es.

Die mittleren schnellen Sätze kamen mir jetzt auch weniger »breiig« vor als beim letzten Konzertbesuch. Das mag an meiner veränderten Haltung gelegen haben, aber sicher hat auch der Dirigent seinen Anteil daran. Sicherlich kann er mit einem Konzerthausorchester ein solches Werk plastischer darbieten als ein – zugegebenermaßen hochmotiviertes, enthusiastisches und technisch absolut fähiges – Jugendorchester.
Der einzige Kritikpunkt an Fischers Interpretation war für mich die Tempowahl der Burleske: Im Programmheft steht »Allegro assai«, er nahm es sehr kontrolliert und gehalten. Dadurch wirkte es zwar durchhörbar und aufgeräumt, aber das war glaube ich nicht Mahlers Intention. Ich vermisste hier das Maßlose, Gehetzte, Überdrehte. Anfangs dachte und hoffte ich, der Satz würde sich nach und nach in ein rascheres Tempo hineinsteigern, aber das blieb aus. Letzten Endes ist so etwas Auffassungssache, und da die vorgelegte Fassung von der Spielkultur gut zu den anderen Sätzen passte, war hier letzten Endes alles in Ordnung.

Der letzte Satz schließlich ist die Erfüllung und die Erlösung des ersten. Meisterlich musiziert, liebevoll, spannend bis zur letzten Sekunde. Zuhause kommt mir die letzte Partiturseite (27 Takte, die allein über drei Minuten dauern) immer lang, ja endlos vor. Im Konzert ist das anders. Hier bin ich einfach Zeuge, wie in der Coda die Musik selbst zu Ende geht, in jenseitige Sphären verschwindet. Wundervoll melancholisch und endlos schön.

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