Gestern Abend war ich wieder im Konzerthaus, zum Pre-Opening von Young Euro Classic 2018. Ich hatte extra die TZO-Probe geschwänzt, um der Aufführung von Mahlers 9. Symphonie durch das Boston Philharmonic Youth Orchestra zu lauschen, und zwar von meinem »Stammplatz« aus im ersten Rang rechts am Gang, so dass mir keiner die Sicht nehmen kann.

Der Abend im lange nicht ausverkauften (geschätzte 300 Plätze blieben frei) Großen Saal begann mit einführenden Worten des Dirigenten Benjamin Zander, den ich vor einiger Zeit schon in der Philharmonie (?) erleben konnte. Damals wie gestern sprach er sehr bewegend, fast zärtlich von seinem Leben und der Musik, bevor mit »The Banks of Green Willow« von George Butterworth das erste Stück des Abends erklang. Es war eine hübsche, idyllische Musik, die nicht groß nachklang, geschrieben kurz vorm ersten Weltkrieg, als die »alte« Welt noch in Ordnung war.
Dann folgte »La Valse« von Maurice Ravel. Ein Abgesang auf den Walzer, erst schemenhaft dargestellt wie mit flüchtigen Pinselstrichen in Aquarell, dann zunehmend irr und wirr, am Ende laut und grob der Zusammenbruch. (Auch der der alten Weltordnung? Das Werk entstand kurz nach dem ersten Weltkrieg.) Nach diesen beiden Stücken und nur 19 Minuten Musik wurde das Publikum in die Pause entlassen.

Im zweiten Teil stand Mahlers Neunte auf dem Programm. Die beiden Herren von vorher saßen nun nicht mehr neben mir – sollten sie in der Pause gegangen sein? Mir völlig unverständlich, wie so etwas geht. Der Dirigent ergriff erneut das Mikro und sprach einführende Worte zum Werk. Nicht weniger als fünf »major climaxes« sollten uns alleine im ersten Satz erwarten, jede größer als die vorige. Und wenn wir die fünfte gezählt hätten, wäre es wahrscheinlich erst die vierte – und eine weitere noch mächtigere würde folgen. Ich freute mich also auf 86 Minuten Hochgenuss mit Mahlers letztem Beitrag zur Gattung der Symphonie, seinem Abschied von der Welt und vom Leben.
Dann ging es los. Ich tauchte ein in die Klänge dieses komplexen Werks, das ich ganz gut zu kennen glaubte. Merkwürdigerweise zählte ich nur drei, maximal vier Höhepunkte im hochdramatischen ersten Satz. Und die stufenweise Steigerung derselben habe ich auch nicht so richtig wahrgenommen. In den folgenden Sätzen hatte ich zunehmend Schwierigkeiten, dem formalen und motivischen Ablauf der Symphonie zu folgen. Ich hatte sie einige Male zuhause gehört, aber womöglich jedes Mal mit Partitur. Nun saß ich im Konzertsaal, hörte das Werk vielleicht zum ersten Mal ohne »Hilfe« und stellte fest, wie kompliziert die Faktur insgesamt (Kontrapunktik, Harmonik, Instrumentation) gestaltet ist. Vielleicht lag es an den fehlenden Noten, möglicherweise auch an dem sehr jungen Orchester (die Spieler waren zwischen 12 und 21 Jahren alt), das evtl. noch nicht über so lange Zeit in einem schweren Stück die Spannung halten kann, aber zuhause mit Noten und der Aufnahme unter Boulez hatte das Werk einen stärkeren Eindruck auf mich gemacht…
Ein Ärgernis am Rande waren diesmal die vielen kleinen Störungen, die sich im Konzert offenbar nicht vermeiden lassen, die aber gestern Abend vermehrt auftraten. Da fielen Garderobenmarken auf den Parkettboden, ganze Packungen Taschentücher flogen durch die Gegend, ein Glas (!) kippte um (alles bevorzugt an den leisesten Stellen); zwischendurch standen mehrfach Gäste auf und verließen den Saal, zuletzt ganz in meiner Nähe, und die machten auch noch einen Heidenlärm mit den Türen. Außerdem gab es irgendwo jemanden, der gut hörbar taktweise mitschnaufte! Zu allem Überfluss saß gegenüber am Gang, also zwei Meter vor mir, ein großer schlaksiger Mann, der ständig seine Arme weit über die Brüstung hing, so dass ich fast die halbe Bühne nicht mehr sehen konnte. Das alles lenkte doch etwas ab, und ich konnte der Musik nicht so konzentriert folgen, wie das zuhause geht.
Die wichtigen Dinge bekam ich aber trotzdem mit. So zum Beispiel gleich am Anfang des langsamen Finalsatzes, wo die Streicher es geschafft haben, den Übergang zur zweiten Phrase so kaputtzumachen, dass der Dirigent nur mit Mühe das Orchester wieder zusammenschieben konnte. Im weiteren Verlauf war aber dann alles gut, so auch im Höhepunkt des Finales nach etwa 17 Minuten, wo zum einzigen Mal im Konzert das Becken doppelt besetzt wurde. Am Ende der Symphonie steht weder die Katastrophe noch eine Apotheose, sondern die Musik hört einfach auf zu sein, in zartestem gedämpften Streicherklang – hier war es endlich mucksmäuschenstill im Saal. Dieser Schluss ist im unreligiösen, emotionalen Sinne heilige Musik. Diese Musik malt die Ewigkeit.

Nach einem solchen Werk kann eigentlich nichts mehr kommen. Der Dirigent ließ es sich dennoch nicht nehmen, ohne bzw. mit einem ausgeschaltetem Mikro, weshalb man ihn kaum verstand, als Zugabe die Nimrod-Variation von Edward Elgar anzukündigen. Bereits bei seinem letzten Besuch in Berlin hatte er, Sohn jüdischer Emigranten aus Deutschland, dieses Stück als Geste der Versöhnung seiner Familie mit dem deutschen Volk mitgebracht. Nun erklang es abermals, und egal, ob es gestern auch so gemeint war: Auf mich wirkt das Stück immer wie ein freundschaftliches Bekenntnis, ein warmherziges Zeugnis gütiger, aufrichtiger, bedingungsloser Liebe.

2 thoughts on “Abschied von der (alten) Welt”

  1. Ich saß in Hörweite des Dirigenten und konnte ihn trotz ausgeschalteten Mikros verstehen. Die Nimrod-Variation hat Zander ins Programm genommen, obwohl ihn die Konzertdirektion gebeten habe, KEINE Zugabe zu spielen. Er habe sich darüber hinweggesetzt, weil er Berlin nicht verlassen wolle, ohne ein Zeichen für die Freundschaft und gegen die Zerstörung der Allianz zwischen Europa und den USA durch Trump und die Isolationisten zu setzen. Er beschrieb die Nimrod-Variation wie Sie auch als ein Werk „voller tiefer unerschütterlicher Freundschaft“.

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