Ein Mann, eine Gitarre und ungefähr 1000 Lieder. Naja, ein paar davon gab Reinhard Mey gestern Abend im Tempodrom zum besten. Ich hatte mir den Besuch letztes Jahr zum Geburtstag gewünscht. Ich wollte einmal im Leben Reinhard Mey, dessen Lieder ich seit fast 30 Jahren kenne und mag, live erleben. Seitdem habe ich meinen Geburtstag ein weiteres Mal gefeiert, und nun war es endlich soweit: Ich saß mit meiner Mutter in Reihe 2 mit etwa 4000 anderen Besuchern und freute mich auf einen ganz besonderen Konzertabend.

Reinhard Mey (inzwischen etwa 75) springt auf die Bühne wie ein Teenager, begrüßt das Publikum mit großer Geste und einem fast flapsigen »Da bin ich wieder!« (was offenbar zu einem Markenzeichen geworden ist, denn bereits auf seinem Live-Album von 1994 ist dies einer seiner Eingangssätze) und singt direkt das erste Lied. Es handelt von seinem Leben als Musikant und wie sehr es das ist, was er immer machen wollte.
Es folgt eine bunte Auswahl älterer Lieder, annähernd abwechselnd mit Stücken aus seinem aktuellen Album »Mr. Lee«. Die meisten kannte ich, meiner Mutter war vieles neu. Wie auch schon auf dem Live-Album, das ich zuhause habe (und bestimmt auch in anderen Konzerten) werden mitunter die Liedtexte auf neckische Weise abgewandelt, aktuellem Tagesgeschehen angepasst, oder allgemein dadurch um eine Witzigkeitsebene angehoben, dass man weiß, es müsste jetzt eigentlich anders weitergehen. Dazwischen erzählt er immer wieder auch längere Anekdoten aus seinem Leben, die von einem Lied zum nächsten überleiten. Nach rund 70 Minuten werden wir in die Pause entlassen. Wir nutzen die Zeit, uns die Beine an der frischen Luft zu vertreten. Also, zwischen Zigarilloqualm und Bratwurstduft, aber immerhin draußen.

Um halb zehn geht es dann weiter in bewährter Manier. Seine Lieder sind großteils besinnlich-nachdenklich bis kritisch, Klamauk gibt es wenig. Das spiegelt die Entwicklung auf seinen Alben wider: Je älter er wird, desto leiser werden die Töne, desto zarter der Humor. Viele Lieder des neuen Albums erklingen, eines vielleicht mit Absicht nicht: »So lange schon«, das vom Verlust seines Sohnes Max handelt und von der Einsamkeit und Sehnsucht nach seinem Tod. Zu persönlich der Text, um auf der Bühne nicht die Fassung zu verlieren? Ebenso hören wir nicht »Mach’s gut« vom vorigen Album, in dem er sich von seinem gerade gestorbenen Sohn verabschiedet. In meinen Augen eines der traurigsten und zugleich schönsten Lieder der letzten Jahre.
Gegen 22:20h dann sein Heiligtum »Über den Wolken«, nachdem er erzählt hat, dass er seine Fluglizenzen (und ich glaube auch seinen Motorradführerschein) aus Altersgründen abgegeben hat. Direkt im Anschluss rührt er mich mit »What a lucky man you are« zu Tränen – er sitzt mit seiner Familie im Urlaub im Restaurant, und ein Fremder zeigt ihm auf, dass er doch alles hat, was er immer wollte. Der Mann ist schon wieder weg, und er blickt verblüfft in die Runde der Menschen, mit denen er sein Leben teilt. Eine große Geste der Demut und Dankbarkeit und eine wunderschöe Liebeserklärung an seine ganze Familie.
Für mich persönlich auch ein sehr emotionales Lied ist das über seinen alten Lateinlehrer Dr. Brand, der die Zeit im Konzentrationslager überlebte und vor 1945 den Rosa Winkel tragen musste. Das vielleicht einzige Lied überhaupt, in dem sich Reinhard Mey in der ihm eigenen subtilen Art mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzt.
Der Abend endet mit einem Block von drei Zugaben. Eine davon ist ein ganz neues Lied, das weder das Publikum noch er selbst so richtig kennt. Dazwischen mehrfach stehende Ovationen, er rennt raus und wieder rein, bedankt sich, wir bedanken uns, und um 23 Uhr entlässt er uns in den lauen Abend.

Die Stimmung im Tempodrom war trotz der Größe des Saals sowas wie familiär; es muss sich für ihn angefühlt haben, wie nach Hause zu kommen. Es war besinnlich, beseelt, mitunter albern – und als Erlebnis um ein Vielfaches intensiver, als nur zuhause eine CD zu hören. Das machte dann auch den Zauber des Abends aus: Nur er, Reinhard Mey, mit seiner Gitarre, und 4000 Zuhörer lauschten seinen Liedern, in denen er sein Leben, das Leben in all seinen Facetten für uns zeichnet: aufmerksam, fein beobachtend, scharfzüngig, komisch, melancholisch, traurig, dankbar, liebevoll. All das habe ich auf seinen CDs, und jetzt endlich auch live gehört. Ich habe fast 30 Jahre gebraucht, ich wollte es nur einmal erleben. Aber ich will es wieder. Bei der nächsten Tour ist er wahrscheinlich schon 78.

Und ich werde dabei sein.

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