Es geht wieder los: Die Saisonpause im Sommer wird uns wie üblich durch das Festival Young Euro Classic versüßt! Am Dienstag verbrachten wir den ersten von fünf Abenden im Konzerthaus mit rund 100 jungen, hochmotivierten Musikern des European Union Youth Orchestra, die unter der Leitung von Vasily Petrenko ein vorwiegend osteuropäisches Programm präsentierten.

Nach der Festivalfanfare von Iván Fischer (diesmal in großer Blechbläserbesetzung mit erweitertem Schlagwerk) führte der Pate des Abends Dietmar Bär mit launigen und informativen Worten in den Abend. Es folgte »The Bamboula« aus den Rhapsodic Dances op. 75 des britischen Komponisten Samuel Coleridge-Taylor (1875-1912). Das Stück wirkte wie eine schmissige Ouverture, sehr temperamentvoll im Charakter und farbig instrumentiert. Der Komponist versteht es gut, mit dem Orchester virtuos umzugehen.
Nach einer Umbaupause, in der sich auch das Orchester wesentlich verkleinerte, hörten wir das 1. Cellokonzert Es-Dur op. 107 von Dmitri Schostakowitsch. Ich kenne das Werk gut und habe es oft gehört, auf CD und im Konzert. Diese Fassung bot dennoch einiges Neue: Es war eine Interpretation der Extreme. Schon zu Anfang fielen mir die extrem kurzen Staccati des Solisten Pablo Ferrández auf. Geradezu abgerissen, in dieser doch etwas agressiven Art ungewohnt – und dabei absolut angemessen für den Charakter des Stückes. Das Orchester begleitete gut dosiert, verdeckte nie das Solo. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, welche wichtige Rolle das einzige Horn spielt: Es ist quasi der zweite Solist, und die junge Musikerin machte ihre Sache bravourös! Weitere Extreme folgten: Der langsame Satz war so ruhig gestaltet, wie ich es vielleicht noch nie gehört habe. Vom Tempo her, aber auch dynamisch. Das Pianissimo hätte kaum leiser sein können. Sehr schön auch die Stelle, an der die Celesta in Dialog mit dem Solisten tritt – leider wurde hier besonders viel gehustet… In der Kadenz dann das nächste Extrem: Der Solist ließ sich Zeit zwischen seinen Phrasen, zum Teil viel Zeit. Stille als Ausdrucksmittel. Auch eine Neuheit für mich. Erst spät wagt sich die Kadenz in bewegtere Gefilde, schnelle Läufe und Akkorde bestimmen das Geschehen, bevor attacca der Finalsatz beginnt. Hier brennt Schostakowitsch ein wahres Feuerwerk ab, schlägt am Ende auch den Bogen zum Beginn und rundet das Ganze effektvoll ab. Frenetischer Applaus folgte und der Solist bedankte sich mit einer Sarabande aus einer Cellosuite von J. S. Bach (ich meine, es war die 1. Suite in G-Dur BWV 1007).

Nach der Pause hörten wir die 8. Symphonie in G-Dur op. 88 von Antonín Dvořák. Auch dieses Werk ist weltberühmt, hier kann man Dvořák als Melodiker bewundern. Die Einfälle sind überaus zahlreich, darunter auch zwei markante Stellen für die Celli am Beginn des ersten und des letzten Satzes. Die Durchführung im Kopfsatz überrascht mich immer wieder mit ihrer Dramatik – so dunkle Wolken erwartet man nach dem überaus heiteren Beginn nicht unbedingt. Das Orchester zeigte ein Mal mehr, was man bekommt, wenn man aus 3.000 Bewerbern aus ganz Europa die besten 140 aussucht: begeistertes, temperamentvollstes Spiel, fein differenzierte Dynamik, dabei technisch absolut makellos. Der Dirigent war sehr engagiert, er verstand es, die Nuancen und die Extreme der Musik zu zeigen und hörbar zu machen. Ich glaube, das Finale der Symphonie habe ich selten so laut gehört wie diesmal… Der tosende Beifall belohnte die tolle Arbeit der jungen Musiker (auch zwischen den Sätzen gab es Applaus, was ich bei diesem Stück fast verschmerzen kann), die sich mit zwei Zugaben revanchierten. Zuerst eine Walzerfolge, die ich nicht kannte – der Dirigent sagte, das Stück sei 200 Jahre alt … ich weiß nicht, ob es damals schon Walzer gegeben hat. Dann noch eine Art Polka (?), die das Orchester ohne Dirigent spielte, denn der stand am Tambourin! Schließlich – und das war dann wirklich ein Rausschmeißer – ging Petrenko ab und das Orchester spielte allein, tanzte dabei auf der Bühne durcheinander, das Publikum stand und klatschte mit … das war Stimmungsmusik in Reinkultur!

Der erste Abend bei YEC 2025 endete mit Endorphinen für alle Beteiligten – man darf gespannt sein, was noch kommt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*