Zum letzten Mal in diesem Jahr besuchte ich am Sonntag das Konzerthaus. Es war das letzte Konzert des Islandfestes »Sounds of Iceland« mit dem Iceland Symphony Orchestra unter Daníel Bjarnason. Ich hatte wieder die schönen Logenplätze im ersten Rang gebucht und freute mich auf einen ganz besonderen Konzertabend.

Als erstes Werk erklang »Aeriality« der isländischen Komponistin Anna Þorvaldsdóttir. Das Stück wurde ihr von der Universität in San Diego als Doktorarbeit anerkannt, und so war ich gespannt, ob es sich hier um anhörbare Musik handelte oder nur um akademischen Denksport. »Aeriality« sei ein Wortspiel aus aerial und reality, und folglich bot es hauptsächlich sehr luftige Klänge, die Harmonien und Klangfarben veränderten sich nur langsam und bewegten sich dynamisch maximal bis in den mittleren Bereich. Der Beschreibung im Programmheft konnte man gut folgen, und obwohl im Stück nicht sehr viel passiert, hatte ich den Eindruck, dass die Musik etwas zu sagen hat. 12 Minuten waren dennoch ausreichend lang für das Konzept des Stückes, das einen gelungenen Auftakt in den Abend darstellte.

Es folgte »Processions« für Klavier und Orchester aus der Feder des jungen Dirigenten Daníel Bjarnason. Am Flügel saß der noch einmal jüngere Víkingur Olafsson (Jahrgang 1984). Ich kannte das Stück von dem gleichnamigen Album und erwartete, die Musik wiederzuerkennen. Das geschah nicht, ich hatte die CD allerdings auch nur ein Mal gehört… Das Stück selbst kam als Klavierkonzert der bekannten Machart daher: Es herrschte der Dialog zwischen Solist und Orchester, also das klassische konzertante Element. Nur eben in einer zeitgenössischen Tonsprache, die aber sehr gut anhörbar war. Womöglich lag das daran, dass der Komponist durchaus auch Filmmusik u. ä. schreibt; zumindest hatte ich den Eindruck, dass das zu hören war. Der Pianist spielte diese nicht unmoderne Musik außerordentlich gefühlvoll und scheinbar auswendig – erst am Ende sah man, dass ihm ein Tablet seine Noten gezeigt hatte. (Bei sehr zurückhaltenden Stellen erinnerte mich seine Körperhaltung sehr an die von Schroeder aus den Peanuts. Das nur am Rande…) Den letzten Satz von »Processions« erkannte ich dann doch wieder. Es war auch motivisch der profilierteste der drei.
Olafsson gab zwei Zugaben: Die erste war eine eigene Bearbeitung eines isländischen »Ave Maria«, dann folgte (Zitat) »etwas Deutsches«. Ich meine, etwas von Bach gehört zu haben, evtl. aus dem Wohltemperierten Klavier, kann es aber nicht genau sagen. Beide Stücke wurden mit großem Gefühl und Tiefgang dargeboten und boten einen schönen Kontrast zu den teils sehr virtuosen Kapriolen des Klavierkonzerts.

Nach der Pause hörten wir die 5. Symphonie in Es-Dur op. 82 von Jean Sibelius. Mir ist das Werk gut bekannt, ebenso wie die übrigen Symphonien des finnischen Meisters. Jedoch sind sie nicht oft im Konzertsaal zu hören, wobei die 2. und 5. wahrscheinlich die populären Ausnahmen sind. Schon nach wenigen Takten atmet die Musik die Weite der finnischen Landschaft. Ähnlich wie die Musik Schostakowitschs strahlt die von Sibelius eine große Tiefe und karge Einsamkeit aus. Gepaart mit der oft mäandernden, zeit- und raumgreifenden Melodik, die keinen regelmäßigen Periodenbau spüren lässt, ergibt das eine Musik, die für den Durchschnittshörer wohl einiges an Herausforderungen bietet. So zumindest erkläre ich es mir, dass schon kurz nach dem Beginn der Symphonie ein nicht unerheblicher Hust- und Räusperpegel im Saal die Aufführung begleitete. Obwohl die 5. von Sibelius (1915 entstanden) harmonisch lange nicht so modern ist wie andere Werke dieser Zeit, ist sie doch anspruchsvoll zu hören. Der dritte Satz mit dem berühmten Schwanenthema ist dann zwar einer der großen Hits von Sibelius, aber m. E. durchaus nicht wesentlich leichter verständlich. Wunderschön ist er dennoch.
Der originelle Schluss mit seinen sechs durch lange Pausen getrennten Tuttiakkorden erschien mir persönlich immer sehr zerissen. Ich hatte gelesen, dass Karajan diese Pausen in einer Aufnahme wesentlich gekürzt hatte, und war immer neugierig, ob mir eine solche Fassung evtl. besser gefallen würde als die Aufnahme, die ich besitze. Bjarnason tat nun genau das, er kürzte die Generalpausen. Interessanterweise empfand ich diese Version aber als deutlich schwächer – die Pausen gehören tatsächlich so lang, wie Sibelius sie geschrieben hatte!

Als Zugabe hörten wir dann noch die altbekannte »Valse triste«, einen der großen Hits von Sibelius. Der Abend verlief somit zunehmend beglückend für mich und meine beiden Begleiter. Es war der letzte für dieses Jahr: ein mehr als würdiger Abschluss eines inspirierenden Konzertjahrs.

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