Als Komponist macht man sich über alle Aspekte einer Komposition ausführlich Gedanken. Als jemand, der darüber hinaus an Layout, Typografie, Grafik und verwandten Themen interessiert ist, mache ich mir darüber hinaus Gedanken zur Notation eines Stückes. Dazu gehören auch Fragen, die das Metrum betreffen: 4/4-Takt oder 2/4? Evtl. 2/2 oder gar 4/8? Alles wäre in einer gegebenen Situation rechnerisch gleich gut möglich, führt aber doch zu immer anderen Interpretationsansätzen.

Das ist soweit richtig und auch wichtig. Problematisch oder zumindest interessant wird es, sobald in so einem gegebenen Metrum Betonungsverschiebungen auftreten, Synkopen, Hemiolen, polyrhythmische Strukturen. Ist eine Hemiole als gefühlter Taktwechsel (z. B. ein 3/2-Takt auf zwei 3/4-Takte) spannender als die »schlichte« Betonungsverschiebung in eben diesen beiden 3/4-Takten? Weitergedacht auf andere Fälle stellt sich die Frage: In welchem Maße sollten Interpreten den Notentext interpretieren (»Dort steht zwar X, aber der Komponist meint eigentlich Y.«) und ab wann besteht die Gefahr einer Überinterpretation einer gegebenen Notation?

Folgendes Beispiel habe ich in der Probenarbeit zu meinem »Rituel« erlebt. Im Hauptteil des Stücks gibt es eine Stelle mit verschiedenen Taktwechseln, u. a. zwei 3/4-Takte (34 f.) mit Akkorden in einem Achtelpuls:Die Gitarre 2 könnte man als »gemeinten« 6/8-Takt interpretieren, nicht jedoch die Gitarre 1. Taktart und Balken geben klar 3/4 vor. In der Probe wurde hier ein 6/8-Takt dirigiert mit der Begründung »da steht zwar 3/4, aber es ist eigentlich 6/8«.

Ist es nicht.

Warum sollte ich gerade in einem Stück mit so diversen Taktwechseln 3/4 schreiben, wenn ich 6/8 meine? Mir fällt kein Grund ein. Gemeint hatte ich tatsächlich die Betonungsverschiebung eben dieser Achtelimpulse auf einen 3/4-Takt gelegt. Das ist viel spannender als ein simples, da reguläres 6/8-Metrum. Der Unterschied liegt in der Behandlung der dritten Achtel des jeweiligen Taktes. Im 6/8 ist diese unbetont, im 3/4 ist es eine schwere Taktzeit. Durch den Akkordwechsel (der in diesem Kontext heraussticht und somit einer Betonung gleichkommt) genau eine Achtel später entsteht in letzterem eine Folge von zwei betonten Achteln direkt hintereinander – eine Synkope. Das ist die Spannung, die ein 6/8-Metrum an dieser Stelle nicht hat, und auf die zu verzichten schade wäre.

Ein weiteres Beispiel. Dieses Stück habe ich nicht in der Probenarbeit erlebt, aber ich befürchte ähnliches »Verschlimmbessern« durch Missverständnis meiner Notation. Es ist der Schluss des letzten meiner »Sechs Stücke« für Mandoline und Gitarre:Im ganzen Satz gibt es immer wieder Taktwechsel: 4/4, 3/4, 2/4, 6/8. Die letzten drei Takte sind als 2/4 notiert, und zwar mit Absicht. Was passiert hier? Eine rhythmische Figur von drei Achteln Länge wiederholt sich viermal. Die Folge ist eine Verschiebung der Betonung in diesen drei Takten, die man hören soll. Falsch wäre es zu denken, »es sind eigentlich vier 3/8-Takte«. Dann lägen alle diese Figuren gleich im Takt, würden gleich betont und wären langweilig. Die Diskrepanz zwischen dem notierten 2/4-Takt und einem (fälschlich) musizierten 3/8 ist nämlich unhörbar, weil Notation an sich nicht hörbar ist. Hörbar ist nur die Betonungsverschiebung, wenn man es musiziert wie notiert, denn dann wird die erste Figur auf der ersten Achtel betont, die zweite aber auf der zweiten Achtel (was die Zählzeit 1 in Takt 26 ist). Analog die dritte Figur wieder auf der ersten Achtel (T. 26, ZZ 2) und die vierte wieder auf der zweiten (T. 27, ZZ 2).

Mit diesen beiden Beispielen aus meiner eigenen Arbeit hoffe ich, etwas den Blick dafür zu schärfen, warum so notiert ist, wie es notiert ist, und sich der Gefahr der Überinterpretation von Fragen des Metrums bewusst zu sein. Das erfordert freilich das Vertrauen in den Komponisten/Kopisten/Herausgeber, dass die Musik auch so notiert wurde, wie sie gemeint ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*