Vorgestern war ich erneut mit meinen beiden Begleitern im Konzerthaus zu Gast. Das Konzerthausorchester spielte unter Andrey Boreyko Werke von Strawinsky, Tschaikowsky und Schostakowitsch. Es begann mit »Funeral Song«, einem erst vor wenigen Jahren wiedergefundenem Frühwerk Strawinskys. Ein Grabgesang auf den Tod Rimsky-Korsakows mit deutlichen Anklängen an Richard Wagner. Durchaus spannend, Klänge zu erleben von dem Meister, der später Werke wie den »Sacre« erschaffen sollte.

Im Anschluss erklang das b-Moll-Klavierkonzert von Tschaikowsky mit Anna Vinnitskaya am Flügel. Sie musizierte den Klassiker sehr temperamentvoll und teilweise brachial-virtuos. Beeindruckend, wie sie die vielfältigen technischen Schwierigkeiten des Parts meisterte und dem Publikum ein Feuerwerk romantischen Klavierspiels bot. Trotzdem komme ich nicht umhin, mich daran zu stören, dass dies nicht die Art und Weise ist, wie Tschaikowsky sein Konzert gemeint hat. Was heutzutage in aller Regel musiziert wird, ist nämlich eine in weiten Teilen »aufgedonnerte, zurechtgefärbte, wirkungsvoller verkürzte und meist schneller gespielte Fassung seines Schülers Alexander Siloti, einem Cousin Sergei Rachmaninows«. (Hier der Link zu klassiker.welt.de) Ich freue mich auf den Tag, an dem es die originale, lyrischere Originalfassung von Tschaikowskys op. 23 bei uns in einen Konzertsaal schafft. (Übrigens gab es diesmal trotz der auf maximalen Effekt gebügelten Musik keinen Einzigen im Publikum, der es für nötig hielt, zwischen den Sätzen zu applaudieren.)
Als Leckerli vor der Pause spielte die Solistin danach noch eine zauberhafte Miniatur von Schostakowitsch: die Romanze aus den Puppentänzen – mir selber gut bekannt, da ich sie mit dem Teg’ler Zupforchester bereits einige Male aufgeführt habe.

Nach der Pause erlebten wir dann die 11. Symphonie g-Moll op. 103 von Schostakowitsch, überschrieben »Das Jahr 1905«. Die Musik schildert die eisige Stimmung dieses tragischen Januartages, später das Massaker, das die Soldaten des Zaren unter friedlich demonstrierenden Arbeitern anrichteten, mit seinen entmenschlichten Kampfhandlungen, die Trauer und Fassungslosigkeit der Überlebenden und am Ende den Aufruf zum Widerstand und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Im ganzen Stück dominieren russische Volksmelodien, die für diejenigen, die die zugehörigen Texte kennen, eine weitere Bedeutungsebene erhalten. Strukturell ist die Symphonie typisch Schostakowitsch: sehr lange langsame und leise Passagen, ebenso lange brutal laute Schlachtendarstellungen, Motorisches, sehr dünn ein- bis zweistimmig Gesetzes. Inhaltlich unterscheidet sie sich jedoch deutlich von allem, was ich bisher von Schostakowitsch kenne. Darin sehe ich eine der Qualitäten seines Werks: Er schafft es, sich nicht einmal im Ansatz jemals irgendwo zu wiederholen. Und das, obwohl die Motive (Unterdrückung, Willkür, Kampf, Hoffnung, Aufruf) immer wiederkehren.
Für mich bleiben nun nur noch drei Symphonien dieses letzten großen Symphonikers, den Russland hervorgebracht hat, kennenzulernen: die Nummern 12, 13 und 14. Es sind drei Erlebnisse, denen ich mit besonderer Spannung entgegensehe.

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