Gestern Abend begann für mich die neue Konzertsaison 2017/18 mit einem Besuch im Konzerthaus. Es spielte die Junge Deutsche Philharmonie unter Jukka-Pekka Saraste ein spannendes Programm: »Laterna Magica« von Kaija Saariaho und Prokofjews drittes Klavierkonzert, nach der Pause dann die Vierte von Carl Nielsen. Der Saal war alles andere als voll, vielleicht zu einem Drittel gefüllt mit Konzertgästen. Ich hatte etwas Mitleid mit den jungen Musikern, die vor einem so leeren Saal spielen sollten. Als aber das doch kleine Publikum aplaudierte wie ein großes (übrigens auch während des gesamten Ausgehens aller Spieler, was auch seltenst der Fall ist), war ich beruhigt.

Das Stück von Saariaho wurde inszeniert durch eine Lichtinstallation, die auf, um und über der Bühne stattfand. Verschiedenfarbige Spots wurden auf die Säulen hinter der Bühne gerichtet und bestrahlten, teilweise bewegt, Wände und Decke des Konzertsaals.
Die Musik selbst war jedoch leider wirklich langweilig. Es gab verschiedene Klangfarben zu hören, die mitunter die Assoziation an Licht weckten. Das war es dann aber auch. Kaum Kontraste im Ablauf, kaum Dramaturgie, kein Spannungsbogen, keine Inhalte, an die man sich am Tag danach noch erinnern würde. 20 Minuten für diese Art von Musik ist einfach zu lang. Das bunte Licht im Saal hat das Stück auch nicht retten können, und ohne die optischen Spielchen (auf CD) kann ich es mir gar nicht vorstellen.

Entschädigt wurden meine Begleiter und ich dann von Prokofjew. Eines meiner Lieblingsklavierkonzerte wurde feurig dargeboten mit Nikolai Lugansky am Klavier. Nach dem ersten Satz setzte der unvermeidliche Applaus der Unbelehrbaren ein, die unter den paar Anwesenden offenbar die Mehrheit ausmachen mussten. Ich finde es ärgerlich, wenn auf diese Weise durch Konzertbesucher, die entweder die Konventionen nicht kennen oder wissentlich ignorieren, die Binnenspannung zwischen den Sätzen zerstört wird.
Es folgten der kontrastreiche Variationssatz und das ebenso vielseitige Finale, bevor das Publikum (diesmal zurecht) den Interpreten mit stürmischem Beifall dankte. Eine kleine Zugabe des Pianisten (ich kannte das Stück nicht, für mich klang es etwas nach russischem Impressionismus, vielleicht Rimsky-Korsakow?) beendete die erste Konzerthälfte.

Nach der Pause erklang Nielsens Vierte, die ich zwar kannte aber noch nicht im Konzertsaal gehört hatte. Nielsens Musik ist mitreißend, beeindruckend, spannend – und wirkt auf mich trotz der Vertrautheit, die ich mit dem Stück inzwischen habe, immer noch enigmatisch. Vielleicht ist es der nordische Tonfall, der die Musik etwas unnahbar erscheinen lässt. Das ist durchaus eine Qualität, kenne ich es doch von kaum einem anderen Komponisten. Vielleicht noch von Sibelius, der aber etwas Ureigenes Finnisches hat, das man besser greifen kann.
Die vier Sätze der Symphonie gehen nahtlos ineinander über. Ein Glück für Nielsen und für uns, denn das Publikum hatte keine Chance dazwischenzulärmen. So genossen wir den erregten Kopfsatz, das pastorale Scherzo, den langsamen Teil mit dem großen Rezitativ der Violinen und schließlich das marzialische Finale mit den Paukerduellen – ein Spieler hinter dem Orchester, einer davor. Unweigerlich dachte man an Kanonenschüsse zweier sich bekämpfender Parteien. Trotzdem endet Nielsens Vierte erhaben und stolz in leuchtendem E-Dur. Dieser Schluss wurde übrigens auch wieder durch farbiges Licht begleitet. Die Bühne erstrahlte am Ende in sonnigem Gelb. Ein schöner Effekt, der zwar nicht nötig gewesen wäre, aber die Stimmung der Musik wunderbar unterstrich. Wir hatten nach anfänglichen Startschwierigkeiten einen tollen Konzertabend erlebt und verließen den Saal zufrieden und angefüllt mit großartiger Musik.

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