
Diese Woche fand ein besonderes Konzertereignis in der Berliner Philharmonie statt: Igor Levit spielte alle (!) Klavierkonzerte von Sergej Prokofjew an drei aufeinander folgenden Abenden gemeinsam mit dem Budapest Festival Orchester unter Iván Fischer. Als begeisterter Levit-Fan habe ich mir die volle Packung gegönnt und mir die Klavierkonzerte, zwei Symphonien und andere Musiken angehört.
Der Montagabend begann mit dem ersten Klavierkonzert Des-Dur op. 10, einem Werk des Studenten Prokofjew. Einsätzig, aber mit erkennbar dreiteiliger Struktur, kommt es sehr energetisch und motorisch daher. Direkt im Anschluss das fünfte Klavierkonzert G-Dur op. 55. Im Gegensatz zum ersten spielte Igor Levit dieses Konzert nach Noten. Auch das späte Konzert ist vornehmlich kraftvoll und schnell unterwegs, ein einziger der fünf Sätze ist wirklich langsam. Während das Erstlingswerk noch gelegentlich zu hören ist, kommt das Fünfte im Konzertbetrieb kaum vor. Ich habe es glaube ich zum ersten Mal überhaupt gehört, obwohl es eine sehr spannende Musik ist, die es sich lohnt, genauer kennenzulernen. Igor Levit spielte eine kleine, zarte Zugabe, bevor das Publikum in die Pause entlassen wurde.
In der zweiten Konzerthälfte erklang das Schlachtschiff der prokofjewschen Symphonik: die Symphonie Nr. 5 B-Dur op. 100, die Top 3 meiner ewigen Lieblingssymphonien. In bezug auf die Themen, die harmonischen Ideen, die Dramaturgie und den motorischen Drive, der sich zuweilen entwickelt (der Mittelteil im zweiten Satz!) ist das Stück für mich eine absolute Glanzleistung. Besonders hervorheben möchte ich den weißhaarigen Solocellisten des Budapest Festival Orchesters: Er spielte durchgängig mit vollem Einsatz und ganzer Seele, wie man sehr schön an seiner Mimik und Körpersprache sehen konnte. Hier hatte jemand wirklich Freude an der Musik!

Am Dienstag hörten wir zunächst die Ouvertüre über hebräische Themen c-Moll op. 34. Es ist ein relativ kurzes Stück, im Original für ein Kammerensemble, hier bearbeitet für kleines Orchester. Viel zu sagen hat die Klarinette, was der Idee, Klezmermusik zu verarbeiten, entspricht. Es folgte das berühmte dritte Klavierkonzert C-Dur op. 26, ebenfalls eines meiner Lieblingswerke der Gattung. Gleich zu Beginn, in der langsamen Einleitung, ein schöner Moment und bezeichnend für Igor Levits Spiel insgesamt: die Art, wie er die Musik mitfühlt, wenn er selbst nicht spielt. Das sieht man sonst nicht so oft. Hier scheint es integraler Bestandteil seiner Auffassung zu sein: das Erleben der Musik, das Eintauchen und das Aufgehen in der Musik. Nicht umsonst erwähnt er selbst immer wieder, es sei für ihn das größte Glück, Musik zu machen. Das ist sichtbar und diese Freude überträgt sich auf den Zuschauer. Igor Levit spielte wieder nach Noten – zum Teil in aberwitzigen Tempi, dass man das Gefühl hatte, das Orchester kommt kaum hinterher… Der erste Satz endete nach dem letzten der rasanten Läufe des Klaviers so feurig, dass spontaner Szenenapplaus einsetzte. Igor Levit saß auf seiner Klavierbank und grinste nickend ins Publikum, als wollte er sagen: »Ja ja, Leute, ich weiß … aber wartet mal ab, da kommt noch mehr!« Und es kam mehr, nämlich der zweite Satz, ein Thema mit Variationen. Das Klavier setzt mit der ersten Variation ein – nach einem riesigen glissandoartigen Lauf, der wohl als Reverenz an den Beginn von Gershwins Rhapsody in Blue gemeint ist. Mir war das nie aufgefallen, aber es ist eigentlich total offensichtlich. Und um so witziger wirkt dann die trugschlüssige Harmonie, in der das Ganze endet… Der dritte Satz begann überraschenderweise deutlich langsamer, als ich es kenne. Das Thema des Fagotts wirkte fast wie ein Walzer. Im Programmheft steht, daraus entfesselt sich »ein Wirbelwind der Virtuosität«. Das stimmt, denn bei seiner Rückkehr hat das Thema ordentlich Fahrt aufgenommen. Das Konzert endete furios und das Publikum bedankte sich mit frenetischem Applaus. Igor Levit spielte wieder eine kleine Zugabe (ein liebliches Stück, das ich nicht kannte – vielleicht kann mich ja jemand in den Kommentaren aufklären?).
Nach der Pause hörten wir eine von Iván Fischer zusammengestellte Suite aus dem Ballett Cinderella op. 87. Die Suite wurde vom Dirigenten moderiert, d. h. er erklärte kurz den die Stelle im Handlungsstrang, an der die Musik stattfindet. Was ich dabei nicht verstanden habe, ist der Satz Orientalia, der eigentlich viel zu früh in der Suite gespielt wurde, wo er gar nicht in die Handlung passt. In diesem sucht der Prinz nämlich im Orient nach der Dame, der der gläserne Schuh passen könnte. Erst danach folgen die Sätze, in denen Aschenbrödel zum Ball geht, mit dem Prinzen tanzt usw… Ungeachtet dessen war es eine sehr farbige Musik mit vielen Tänzen und einem versöhnlichen, liebevollen Schluss.
Wie am Vorabend gab auch das Orchester eine Zugabe, und zwar einen Chorsatz! Im Stehen sangen die Musiker einen russisch-orthodoxen Hymnus »Friedvolles Licht«, verbunden mit der Hoffnung auf Frieden in Osteuropa.

Der dritte Abend am Mittwoch begann mit Auszügen aus der Symphonischen Suite op. 33a zur Oper »Die Liebe zu den drei Orangen«. Erneut eine sehr effektvolle Musik die einen schönen Auftakt bildete für das folgende zweite Klavierkonzert g-Moll op. 16. Ähnlich bekannt wie das dritte, aber von den Dimensionen größer und inhaltlich ernster. Dieses Konzert spielte Igor Levit wieder auswendig. Vielleicht verständlich – von einem Stück, das so krankhaft schwer ist, muss man einfach jede Note kennen, bzw. hat man gar nicht unbedingt die Zeit, überhaupt in die Noten zu schauen… Bei der riesigen Solokadenz im ersten Satz war er jedenfalls voll in seinem Element, ebenso in dem aberwitzigen Scherzo. Wobei er auch zarte Passagen auskosten kann. Zu beobachten, wie er an manch kleiner Wendung eine fast kindliche Freude hat, hat mir besonderen Spaß gemacht. Natürlich endet das Konzert bombastisch mit maximalem Effekt: Es sollte die Zuhörer von den Sitzen reißen – und das tat es. Schon zuhause ist die Wirkung dieses Schlusses enorm, und im Konzertsaal natürlich noch weit intensiver.
Nach der Pause erklang das am seltensten gespielte vierte Klavierkonzert B-Dur op. 53 »für die linke Hand«. Das Konzert wurde für Paul Wittgenstein geschrieben, der im ersten Weltkrieg den rechten Arm verloren hatte. Sein Musikgeschmack war allerdings äußerst konservativ, und er hat das Werk nie gespielt. (Ich frage mich ja, warum er es in Auftrag gegeben hat… Er wird doch den Stil von Prokofiew gekannt haben und hätte ahnen können, dass ein neues Werk auch für ihn nicht wesentlich altmodischer werden wird als die vorhandenen Stücke? Zumal Wittgenstein ähnliche Probleme mit den Auftragswerken von Ravel und Hindemith hatte.) Dieses Konzert spielt Igor Levit abermals nach Noten. Ich dachte mir, er könne ja dann, während die linke Hand spielt, mit der rechten umblättern. Aber nein, wie beim dritten und fünften Konzert saß eine Blätterdame bei ihm, die das übernahm. Er selbst nutze seine Rechte, um sich am Klavier und an der Bank festzuhalten – oder noch häufiger zum Mitdirigieren. Auch hier zeigt sich wieder das tiefe Empfinden der Musik, das ich so sehr schätze. Eine weitere Kleinigkeit, die mir auffiel: So extrovertiert Igor Levit zuweilen spielt, so schüchtern, fast demütig, ist seine Verbeugung nach dem Spiel. Er wirkt nicht so, als ob er sich für seine Leistung feiern lässt, sondern eher dankbar – dafür, dass er Musik machen darf, und dass ihm die Leute dabei zuhören.
Der dritte Abend endete mit der Symphonie Nr. 1 D-Dur op. 25, der »Symphonie classique«. Das Orchester musizierte im Stehen – nachdem der Flügel des Solisten nicht von der Bühne, sondern ins Orchester geschoben wurde. Das sah etwas seltsam aus, aber egal. Es wird Gründe gegeben haben. Die Symphonie selbst ist bekanntermaßen ein Hit: kurz und knackig, eingängig, freundlich-hell und ein hübscher Abschluss für drei außerordentliche Abende! Konzeptionell absolut einmalig und dabei musikalisch wirklich höchstkarätig.
Allerdings fand ich es schade, dass die Philharmonie an allen Abenden so schwach besucht war: Nur schätzungsweise ein Drittel der Plätze waren besetzt. Ich hätte diesem besonderen Konzertereignis weit mehr Aufmerksamkeit gewünscht!
