Nach geraumer Zeit und zum ersten Mal seit Pandemiebeginn war ich gestern Abend wieder in einem Konzert. Rundfunksinfonieorchester und -chor Berlin spielten ein reines Strawinskyprogramm in der Philharmonie. Es gab ein Sicherheitskonzept: Karten waren personalisiert, man brauchte einen negativen Coronatest, Maske und einen Personalausweis, um Zutritt zu erhalten, jeder zweite Sitz blieb frei, es galt Maskenpflicht während der ganzen Veranstaltung, keine Pause, keine Gastro. Was tut man nicht alles. Es ist das erste Aufflackern der Kulturlandschaft in Berlin, das Licht am Ende des Tunnels ist sichtbar.

Keines der Werke, die gegeben wurden, kannte ich. Aus irgendeinem Grund nahm ich an, es sei ein reines a-cappella-Konzert, und war dann erfreut, dass es doch Instrumente geben wird. Vladimir Jurowski dirigierte und durch den Abend führte ein Sprecher, der zwar in einigen Stücken vorgeschrieben und somit notwendig war, dessen exaltierter Duktus mir aber schon nach wenigen Sekunden auf die Nerven ging.
Zwei Trompeten eröffneten das Konzert kurz, knackig und frisch mit »Fanfare for a new theatre«. Dann folgte das fast halbstündige Musikspiel »The Flood« für Soli, Sprecher, Chor und Orchester. Der Chor bestand (wahrscheinlich coronabedingt) aus ganzen 16 gut verteilten Sängern, auch das Orchester war klein, wahrscheinlich entsprach das aber der Vorgabe der Partitur. Die Musik selbst fand ich hochoriginell – eine Art Strawinsky, wie ich sie bisher noch nicht kannte. (Mein Schwerpunkt waren bisher die frühen Ballette und neobarocke/-klassizistische Instrumentalstücke.) Einzig der Sprecher und das halbszenische Spiel des Tenors, der den Teufel verkörperte, störten für mein Empfinden die Darbietung etwas.

Es folgten zwei kurze Stücke: »Lied ohne Name« (sic) für zwei Fagotte, sehr schöne Melodik und reizende harmonische Ideen, soweit das mit zwei Stimmen geht. Dann »Tilim Bom«, für Gesang und Klavier; wir hörten eine Fassung für kleines Orchester. Die einleitende Moderation erzählte von einem brennenden Ziegenstall; ich fand das Ganze etwas lärmend, von diesem Stück wird als Eindruck wohl nur ein ungutes Gefühl bleiben…

Die Burleske »Renard« (Fabel vom Fuchs, Hahn, Kater und Widder) bildete als zweites größeres Werk (ca. 15 min.) das Zentrum des Programms. Burlesk war es durchaus, ich möchte sagen: Das Konzert insgesamt, aber besonders dieser Beitrag, gehört zum Skurrilsten, was ich seit langer Zeit in einer Kulturveranstaltung erlebt habe. Maßgeblichen Anteil daran hatte wiederum der Sprecher des Abends, und die wiederum halbszenische Darstellung der Sänger, besonders des Tenors, der eingangs schon den Teufel gemimt hatte. Letzten Endes konnte ich mich kaum auf die Musik konzentrieren.

Dann kamen weitere kleine Stücke: ein Duo für zwei Blockflöten, gespielt vom allerobersten Rang des Saals. Eine hübsche Idee, das Stück selbst war nett, etwas lang vielleicht. Zwei Sätze aus den »Berceuses du chat« (Katzenwiegenlieder) folgten. Die Besetzung war wiederum ungewöhnlich: Sopran und drei Klarinetten. Das waren hübsche Miniaturen, auch wieder angenehmer zu hören nach den tutenden Blockflöten und der skurrilen Fabel. Drei weitere Lieder »Musick to heare« nach Texten von Shakespeare setzen diesen Eindruck fort. Diesmal besetzt mit Mezzosopran, Flöte, Klarinette und Viola. »The Owl and the Pussy-Cat« für Gesang und Klavier ist Strawinskys letztes Originalwerk und war wohl für den Hausgebrauch geschrieben. Ein serieller Kanon bewegt sich in Gesangsstimme und Klavier unterschiedlich schnell – hören konnte man das freilich nicht.

Den Abschluss und m. E. den Höhepunkt des Abends bildete »Les noces« (Die Bauernhochzeit) in der Fassung von 1919 für Soli, Chor, Schlagzeug, zwei Zymbals (eine Art Hackbrett), Harmonium und Pianola. Die Harmoniumspielerin habe ich sehen können, das Piano konnte ich zwar hören, aber ich fand nicht heraus, wer es wo bediente. Meine Begleitung klärte mich hinterher auf: Pianola bezeichnet ein selbstspielendes Piano; die Tasten des Flügels im Vordergrund hätten sich wohl bewegt (was mir nicht aufgefallen war), es saß aber niemand daran. Vermutlich deshalb hatten etliche, wenn nicht alle Musiker einen Knopf im Ohr, denn wenn die Pianola vorher aufgezeichnet war, musste die gesamte Aufführung damit synchronisiert werden… Vielleicht war es aber auch der schieren Klangmasse geschuldet, denn Zymbals, Harmonium und Pianola hatten fast durchweg gut zu tun, der Chor sowieso.
Das Werk selbst machte überaus starken Eindruck. Typischer Strawinsky mit archaischer Satztechnik, manchmal etwas an »Carmina Burana« erinnernd, sehr originelle Klangfarben durch die Orchestrierung – und nicht zuletzt die Zymbals führten dazu, dass diese Musik maximal russisch wirkte. Für mich war dies die Entdeckung des Abends. Den Rest, vielleicht mit Ausnahme von »The Flood«, muss ich nicht noch einmal hören.

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