Zum vorerst letzten Mal saß ich am vergangenen Freitag im 1. Rang des Konzerthauses – ausnahmsweise links – und freute mich auf einen Abend mit spätromantischer Orchestermusik. Es gab »Don Quixote« op. 35 sowie »Tod und Verklärung« op. 24 von Richard Strauss und dazwischen den 1. Satz aus Mahlers 10. Symphonie. Wie so oft spielte das Konzerthausorchester, diesmal unter Leitung von Pablo González.

Als ich das letzte Mal Don Quixote hörte, war ich etwas frustriert ob der Undurchsichtigkeit des formalen Ablaufs: Es fiel mir schwer, die einzelnen Variationen zu identifizieren. Diesmal wollte ich meine Freude an der Musik nicht davon abhängig machen, ob ich zu jeder Zeit genau wusste, an welcher Stelle im Stück wir uns gerade befanden. Ich ließ mich also auf das Werk ein, genoss die Strauss’sche Polyphonie und Farbigkeit seiner Orchestrierung, dann das wunderbare Spiel von Gautier Capuçon am Cello. Dennoch: Das Stück ist lang – für meine Kondition an dem Abend war es womöglich sogar zu lang. Der Rotwein, den ich zuvor genossen hatte, mag sein übriges dazu getan zu haben, dass es mir zwischendurch einigermaßen schwerfiel, mit der gebotenen Konzentration zu folgen.
Nun hatten wir wiederum das Pech, hinter dem einzigen Konzertbesucher des Abends zu sitzen, der sich offenbar nicht benehmen wollte oder konnte. Dass er unmittelbar nach Konzertbeginn suchend im Saal umherblickte, mag ja noch angehen, das Spielen am Handy war auch nicht neu. Sich mit ausgestreckten Armen über die Brüstung zu lehnen und damit den neben ihm Sitzenden die Sicht zu nehmen: bekannt. Aber dann noch mit den Fingergelenken zu knacken, war der vorläufige Gipfel der Gedankenlosigkeit. Ich bemühe mich immer, mich nicht zu sehr über solche Menschen zu ärgern – es gelingt mir jedoch nicht, da ich nicht so sein könnte.

Nach der Pause (der Störenfried war leider nicht gegangen) hörten wir dann den Kopfsatz der 10. Symphonie von Mahler, die er selbst nicht mehr vollenden konnte. Ich weiß, dass Ernst Krenek den 1. und 3. Satz aufführbar hergerichtet hat. Außerdem gibt es von Deryck Cooke eine Fassung der gesamten Symphonie, aber ich kann nicht sagen, ob dieser die Arbeit von Krenek fortführte oder ganz neu begann, was bedeuten würde, dass es mindestens zwei Versionen des 1. Satzes geben muss. Das Programmheft verriet mir jedenfalls nicht, welche Fassung gespielt wurde.
Das Orchester ist gerade für Mahler ungewöhnlich aufgestellt: Dreifaches Holz, aber keinerlei Schlagwerk, nicht einmal Pauken. Gefehlt hat mir das alles nicht – im Gegenteil: Mir schien, dass das Werk so einen entrückten, jenseitigen Charakter erhält, als wollte der Bearbeiter sagen »Wahrscheinlich hätte Mahler auch Schlagwerk verwendet, aber Mahler ist nicht mehr hier.«. Hinterlassen hat er jedoch die Vorlage der hier gezeigten Orchestrierung, das Particell, das man als originalen Mahler durchaus heraushört. Wunderschöne melancholische Melodielinien, die typische Mahlersche Polyphonie, die er in großen Steigerungen bis an die Grenzen der Tonalität führt, und natürlich den emotionalen und dramatischen Höhepunkt kurz vor Schluss, als Mahler insgesamt neun Terzen aufeinanderschichtet und in einer unerhörten Dissonanz seinen Schmerz über die Untreue seiner geliebten Frau Alma herausschreit. Besonders in diesem Moment sind Mahlers Gefühle, obschon er selbst bereits tot, noch bis heute sehr lebendig.

Als letztes Werk des Abends hörten wir »Tod und Verklärung« von Strauss, das einzige Werk, das ich vorher nicht kannte. Es handelt grob von einem Sterbenden, der sich an Episoden aus seinem Leben erinnert – und es muss ein turbulentes gewesen sein, denn Strauss verwendet sehr viel forte, die Musik ist sehr aufbrausend, teils übermütig die komplizierte spätromantische Orchesterpolyphonie. Genau so mag ich Strauss, der in diesem Frühwerk natürlich noch besonders temperamentvoll daherkommt. Dramaturgisch verfolgt die Komposition das aus Beethovens Fünfter bekannte »per aspera ad astra«-Prinzip, also durch die Dunkelheit (dramatisches Leben, Krankheit) zum Licht (Tod und Verklärung). Strauss selbst unkte später, der Antrieb, dieses Stück zu schreiben sei am Ende womöglich der schlichte Wunsch gewesen, etwas zu schreiben, das in c-Moll beginnt und in C-Dur endet. Nun, vielleicht ist es doch etwas mehr als das; zumindest war es für mich ein sehr saft- und kraftvoller und überaus unterhaltsamer Schlussteil eines spannenden Konzertabends – und ein Grund mehr, einmal über die Anschaffung einer Gesamtaufnahme der Strauss’schen Tondichtungen nachzudenken…

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