Ein weiteres Mal war ich gestern Abend allein im Konzerthaus zu Gast. Das Konzerthausorchester gab unter der Leitung von Juraj Valčuha die dritte Symphonie D-Dur (D 200) von Franz Schubert und die dreizehnte Symphonie op. 113 b-Moll von Dmitri Schostakowitsch. Die beiden Werke haben auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam, das Programmheft bemühte sich jedoch redlich, einen Zusammenhang herzustellen. Beide Komponisten begannen also früh zu schreiben und schrieben im allgemeinen zügig. Aha. Da die Gemeinsamkeiten damit aber offenbar bereits erschöpft waren, wirkten die Bezüge zwischen den Werken und Komponisten auf mich etwas gesucht.

Das Konzert begann mit Schubert. Ein kleines Orchester: doppeltes Holz, je zwei Hörner und Trompeten, klassische Pauken. Ich wusste, ich hatte die Dritte von Schubert schon einmal gehört, konnte mich aber nicht an Themen erinnern. Der Aha-Effekt kam bereits kurz nach der Einleitung des ersten Satzes: Das erste markante Fortemotiv mit dem schnellen Lauf und den anschließenden Tonwiederholungen hatte ich vor einiger Zeit im Ohr und konnte es nicht zuordnen, hätte es wohl eher in einer späten Mozartsymphonie vermutet. Dass sich dieser Irrtum nun aufgeklärt hatte, freute mich, und überdies war es schöne Musik, die ich da hörte.
Die folgenden beiden Sätze waren hübsch, aber für mich ein bisschen zu wenig gehaltvoll. Das feurige Presto gefiel mir dann wieder besser. Immerhin kommt es reichlich temperamentvoll daher und ist ein schöner Rausschmeißer.

Nach der Pause erklang Schostakowitsch – das Werk, für das ich auf meine Probe mit dem TZO verzichtet hatte. Die Erwartungen waren also hoch. Eine große Symphonie mit Bass und Männerchor (dazu großes romantisches Symphonieorchester mit dreifach Holz, großem Schlagwerk, Harfen und Klavier), untertitelt »Babi Jar« nach dem Gedicht von Jewgeni Jewtuschenko. Dieses bildete die Textvorlage für den ersten von fünf Sätzen und behandelt das Massaker, das ein SS-Sonderkommando im September 1941 in der Schlucht Babi Jar bei Kiew an 34.000 jüdischen Menschen anrichtete. Wer die Leningrader Symphonie für ein politisches Werk hält, hat die Dreizehnte noch nicht gehört. Allein, dass Schostakowitsch einen solchen Text auswählte, spricht Bände. Textprobe: »Lasst die ›Internationale‹ erschallen, wenn der letzte Antisemit auf Erden endlich begraben ist.« Solche Inhalte hatten es 1962 in der Sowjetunion schwer. Die Uraufführung, zumindest die des Kopfsatzes, sollte verhindert werden; letzten Endes wurde das Ereignis von der Presse totgeschwiegen, die Regierungsloge des Konzertsaals bliebt leer.
Musikalisch ist das Werk später Schostakowitsch: hochdramatisch, groß, tief, erschütternd – natürlich besonders durch die zusätzliche semantische Ebene der Textvorlagen… Gleich die ersten Takte erzeugten durch den Klang der Röhrenglocken, die ich sehr liebe, eine mystische, hochernste und der Thematik sehr angemessene Stimmung. Bass-Solo und Chor wechselten einander ab, heftige und von Schostakowitsch bekannte Ausbrüche hielten mich in Atem. Ebenso typisch waren die ausgedünnten Passagen: einsame Kantilenen, manchmal nur lose Motive über einem Liegeton… Die Textvorlagen der anderen Sätze waren überschrieben »Der Witz«, »Im Laden«, »Ängste« und »Karriere«. Unterm Strich also ein Gesellschaftsbild der damaligen Zeit, das kritischer kaum hätte sein können. Und ein wahrhaft mutiges Unterfangen, ein solches Werk in der SU der damaligen Zeit überhaupt zu konzipieren.
Im Programmheft wurde die Länge der Symphonie mit 55 min. angegeben. Nach überwältigenden 65 min. war die phantastische Reise zuende, und ich konnte nur versuchen, mich durch Beifall emotional zu erleichtern. Bei dem Versuch ist es geblieben. Dieses Werk (genau wie etliche andere von Schostakowitsch, die ich schon kennenlernen durfte) werde ich noch einige Male hören, um es besser durchschauen und durchdringen zu können.

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