Gestern spielte das European Union Youth Orchestra im Rahmen von Young Euro Classic. Ich war im – heute endlich einmal völlig ausverkauften – Konzerthaus zu Gast und freute mich auf Musik von Chopin und Tschaikowsky. Sascha Hingst, der Pate des Abends, machte uns mit dem Orchester vertraut, dem Spieler aus allen 28 Staaten der EU angehörten. Es war also ein großer Abend der Völkerverständigung, zumal hinter der Bühne (im Chorbereich) sogar das norwegische Orchester, das am Vorabend aufgetreten war, saß und zuhörte.

Das kosmopolitische Element zog sich durch den Abend: Das erste Stück, eine deutsche Erstaufführung, stammte aus der Feder der polnischen Komponistin Agata Zubel. »Fireworks« sollte dem Zuhörer Stärke verleihen, Enthusiasmus bündeln und ihn mit Lebensfreude erfüllen. Für mich war es jedoch nur eine Riesenmenge Krach, die von der Bühne auf uns abgefeuert wurde. Außer dem Pauker hatten sechs (!) Schlagzeuger fast ununterbrochen zu tun, bedienten alle denkbaren Klapperatismen, während sich auch der Rest des Orchesters fortwährend in lärmenden Exzessen erging. Ein Konzept in der Behandlung der kompositorischen und instrumentalen Mittel war für mich nicht erkennbar. Mich haben diese acht Minuten ratlos hinterlassen, nicht zuletzt deshalb, weil sie dem Rest des Publikums gefallen zu haben schienen, wie mich der mehr als wohlwollende Beifall glauben ließ.

Wie erfreut und erleichtert war ich, im Anschluss das 2. Klavierkonzert f-Moll op. 21 von Frédéric Chopin zu hören, einem Wahlfranzosen polnischer Herkunft. Der Solist Seong-Jin Cho: ein waschechter Berliner mit koreanischen Wurzeln. Weltbürgertum also, wohin man blickte.
Was bietet das Konzert? Perlend-zarte Klavierklänge, funkensprühende Virtuosität und einige hübsche melodische Einfälle (so z. B. das Thema des langsamen Satzes). Das alles über einem Orchesterteppich, der wenig mehr tut als dem Solisten eine akkordische Stütze zu bieten. Tiefgang darf man hier nicht erwarten, das ist Enspannungsmusik mit dem Ziel, die Zuhörerschaft zu erfreuen und den Solisten glänzen zu lassen. Beides wurde hier erreicht, das Publikum dankte mit freudigem und langanhaltendem Applaus. Cho spielte als Zugabe den langsamen Satz aus der »Pathétique« op. 13 von Ludwig van Beethoven, den ich mir etwas zarter gewünscht hätte – aber vielleicht erschien das Stück auch nur im Kontext der vielen Zuckerwatte Chopins etwas grob.

Nach der Pause erklang ein Werk, das ich immer wieder gerne im Konzert höre: die 5. Symphonie e-Moll op. 64 von Peter Tschaikowsky. Der Dirigent Gianandrea Noseda nahm den Kopfsatz äußerst dramatisch mit starken Temposchwankungen, die das Zusammenspiel im Orchester mitunter an die Grenze praktisch Machbaren brachten. Der langsame Satz wurde insgesamt sehr leidenschaftlich dargeboten und geriet in seinen heftigen Ausbrüchen ebenso aufwühlend. Erst der Walzer brachte die ersehnte Erholung, wobei die Sechzehntel im Mittelteil auch hier wieder durchaus spannend präsentiert wurden. Das Finale, sonst manchmal gefährdet, zu einem lärmenden Gepolter zu verkommen, war dann eine Apotheose sondergleichen. Der Dirigent verstand es, dem zugegeben über weite Strecken lauten bis sehr, sehr lauten Satz immer wieder etwas Edles abzugewinnen. Die Tempi wurden nicht überdreht, folglich raste die Musik nicht sondern strahlte überschwängliche Freude aus. Die Coda schließlich erzeugte einen überwältigenden Sog, wie ich ihn auch bei diesem Werk noch nicht erlebt hatte. Augenblicklicher stürmischer Applaus war dann auch der verdiente Lohn für diese beeindruckende Leistung. Meine persönliche Einschätzung: Wenn ich ein Lieblingswerk von Tschaikowsky habe, dann ist es wahrscheinlich die Fünfte. Wenn sie so gespielt wird wie hier, auf jeden Fall.

Als Zugabe, die es eigentlich nicht gebraucht hätte, gab es dann noch den Rákóczi-Marsch in der Fassung von Hector Berlioz. (Faszinierend, wie viele Stücke man kennt, ohne zu wissen, was es genau ist… Hier hat es einiges an Recherchearbeit gekostet, den Titel zu ermitteln.) Das waren dann noch einige Endorphine mehr für den restlichen Abend – und ein hübsches Suchspiel für den folgenden Tag!

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